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Kirchenchorwerk Sachsen - Geschichte

1888 ist das Gründungsjahr unseres Kirchenchorwerkes. Aber nicht erst da beginnt die Geschichte unserer Kirchenchöre.
Wir sind schon immer eine singende und lobende Kirche gewesen und werden sie auch bleiben.
Dies gehört zum Wesen unseres christlichen Glaubens.

In vorreformatorischer Zeit (im nachmaligen Sachsen bis 1539) gab es außer dem den Gemeindegesang leitenden Küster hie und da "Kalanderbruderschaften", geistliche Gemeinschaften von Stadtbürgern, die das noch nicht sehr ausgeprägte geistliche Singen der Gemeinde unterstützen. An großen Stadtkirchen wurde sogar mehrstimmig gesungen (z.B. Annaberg, Freiberg, Dresden und Leipzig), am Meißner Dom trotz des "immerwährenden Gottesdienstes" aber nicht.

Das durch die Reformation in Gang gebrachte Stadt- und Dorfschulwesen bedeutete einen grundlegenden Wandel:
Der Schullehrer mit der Amstbezeichnung "Cantor" leitete sich meist aus wenigen Schüler und erwachsenen "Adjuvanten" zusammensetzende "Cantorey".
Die mitsingenden bzw. mitzahlenden Stadtbürger fanden sich in "Kantoreigesellschaften" zusammen. Die erste dieser Kantoreien entstand um 1528 in Torgau unter Johann Walter. Dieses Modell der "Kantorei" aus Knaben und erwachsenen Männern funktionierte bis ins ausgehende 19. Jahrhundert.
Daneben bildeten sich aber seit den 1870er Jahren im Anschluß an die Laienchorbewegung des 19. Jahrhunderts "Freiwillige Kirchenchöre", in denen zum erstenmal Frauen bei der Kirchenmusik mitwirken konnten.
Diese Chöre in einem "Kirchengesangsverein" zusammenzufassen, wurde sehr bald als Notwendigkeit erkannt.

 

In anderen Landeskirchen sah es ähnlich aus.
1878 waren in Württemberg, 1879 in Hessen und 1880 in Baden zentrale Kirchenchorverbände entstanden.
Sachsen zog als eine der letzten Landeskirchen nach. Am 28.11.1888 hatte Pfarrer Kittan aus Prießnitz bei Borna zu einer Gründungsversammlung Pastoren, Kantoren und Organisten nach Chemnitz geladen. Sein Ruf blieb nicht ungehört. Es kam zur Gründung des Sächsichen Kirchenchorverbandes, dem heutigen Kirchenchorwerk.
Dieser Verband stellte sich als Aufgabe die "Hebung des kirchlichen Gemeindegesanges, Pflege des kirchlichen Chorgesangs und dadurch Förderung des kirchlichen Lebens".
Es ist sicher Absicht, dass der Gemeindegesang an erster Stelle erscheint. Von Pfarrer Kittan wird berichtet, dass er zu Weihnachten in seiner Gemeinde erstmalig das Lied "Fröhlich soll mein Herze springen" nach rhythmischer Weise von Johann Crüger singen ließ. Die Gemeinde staunte, so etwas hatten sie noch nicht erlebt. Sie waren die rhythmisch und melodisch gleichförmig gewordenen Weisen der Kirchenlieder gewohnt, die sich seit 200 Jahren in den Gemeinden eingebürgert hatten.

Der Kirchenchorverband fand schnell Verbreitung 1890 gehörten 142 Chöre dazu, 1892 waren es doppelt so viele: 280 Chöre mit 5.100 Sängern.
Der Verband gründete eine eigene Zeitschrift "Der Kirchenchor". Sie erschien von 1889 bis 1997 und war für Sänger und Chorleiter bestimmt. In ihr wurden musikalische und liturgische Fachfragen diskutiert, sie berichtete von Chören im Land, stellte neue Chorliteratur vor und besprach sie. Und es gab auch viele Abschnitte zum Schmunzeln.

Bis 1895 leitete Pfarrer Gustav Kittan den Verband. Ihm folgten als Vorsitzende Kirchenmusikdirektor Prof. Theodor Schneider (1895-1905), Pfarrer Friedrich Löscher (1905-1928) und Kirchenmusikdirektor Armin Haufe (1928-1960).
Angeregt durch die Singbewegung rief er mit den Worten: "Kommet zu Hauf!" zu den Landeskirchenchortagen auf: 1928 nach Zwönitz (3.000 Sänger), 1933 nach Auerbach (5.000 Sänger), 1938 nach Annaberg (8.000 Sänger). Annaberg war zahlenmäßig der Höhepunkt.
Wer den dortigen Markplatz kennt (er ist genau einen Hektar groß), der stelle sich den gesamten Platz voller Sänger vor. Zuhörer fanden nur noch an den Häuserfronten Platz. Augenzeugen berichteten: Als beim Weg von der Hauptropbe zum Massensingen der Sopran, der in Achterreihen ging, mit seiner Spitze den Marktplatz erreichte, befanden sich die letzten Sopranistinnen noch in der oberen Stadt!
Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete Armin Haufe sein letztes großes Chortreffen: 1950 dirigierte er das Bachchoralsingen vom Balkon des Leipziger Alten Rathauses aus. Danach wurden große kirchliche Chortreffen im Freien staatlicherseits verboten. Zu den Landeskirchenmusiktagen in Dresden 1982 und zur kirchlichen Bachwoche in Leipzig 1985 mußten die Chorsänger auf mehrere Kirchen der Stadt verteilt werden. Bei diesen Treffen füllten die Choristen alle Kirchenbänke. Auch hier war für Zuhörer kaum noch Platz.

Was bei den Landeskirchenmusiktagen und Chortreffen im Großen geschah, wiederholte sich im Kleinen in den einzelnben Ephorien als "Kantatesingen". Diese Tradition hat sich teilweise bis heute in ephoralen Kirchentagen erhalten. In anderen Gegenden werden die Chöre in zentrale Veranstaltungen des Kirchenbezirkes eingebunden. Ein besonderes Gewicht haben die Kurrendetreffen, auf die sich Kinder überall freuen.

Chortreffen erfordern einheitliches Notenmaterial. Aus diesem Grund brachte der Kirchenchorverband seit 1928 alljährlich ein "Kantate-Chorheft" heraus. Die Reihe dieser wertvollen Chorbücher, welche für die damalige Zeit eine erstaunliche Leistung darstellten, wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen, konnte aber nach 1945 fortgesetzt werden. Seitdem erschien eine stattliche Zahl von Chorheften, Chorbüchern (18 Stück), und Chorblättern (44 Stück), die gerade in der DDR-Zeit von äußerster Wichtigkeit für unsere Chöre waren.

1960 nahm Kirchenmusikdirektor Hans-Heinrich Albrecht als Landesobmann die Geschicke des Sächsischen Kirchenchorwerkes in die Hand. Er rief Lehrwochen für Kurrendearbeit ins Leben, die bis heute ihren festen Platz im Singwochenplan haben. 1974 wurde er von Landeskirchenmusikdirektor Hans-Joachim Schwinger abgelöst. In dessen Amtszeit beging das Kirchenchorwerk das 100jährige Gründungsjubiläum mit einem Festakt, Lehrveranstaltungen und Chorkonzerten, in denen die Vielfalt und Lebendigkeit dieser Arbeit zum Ausdruck kam und neue Impulse für die zukünftige Arbeit vermittelt wurden.

Ab 1982 wurde zusammen mit anderen Kirchenchorverbänden im deutschsprachigen Raum das neue evangelische Gottesdienstbuch erarbeitet, was am 1. Advent 1994 in Sachsen eingeführt worden ist.

1991 übernahm Kirchenmusikdirektor Christian Drechsler aus Annaberg die Aufgaben des Landesobmanns. In den folgenden Jahren war die Arbeit des Kirchenchorwerkes den neuen gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen. Seither gilt, neue Möglichkeiten unserer Zeit müssen entdeckt werden und für unsere Gemeinden und Chöre nutzbar gemacht werden.
Von 1998 bis 2016 war Kantor Jens Staude aus Lößnitz Landesobmann. Sein Nachfolger ist Ekkehard Hübler aus Flöha. 

Zahlreiche Großveranstaltungen wurden in den letzten Jahren durch das Kirchenchorwerk vorbereitet und durchgeführt:

  • 2000 Chortreffen zum Bachjahr in Leipzig mit über 4.500 Teilnehmern
  • 2003 1. Sächsischer Kurrendetag „Lichtblicke“ in Dresden / Messehalle mit 2.700 Kindern
  • 2007 Landeskirchenmusiktage „Lebensklang“ in Chemnitz - verantwortet von der Ev.-Luth. Landeskirche
  • 2009 2. Sächsischer Kurrendetag „laufend singen“ in Dresden / Eissporthalle mit 3.200 Kindern
  • 2014 Deutsches Evangelisches Chorfest in Leipzig - verantwortet vom Chorverband der Evangelischen Kirche in Deutschland
  • 2016 3. Sächsischer Kurrendetag "Mit Herz und Mund" in Zwickau
     
Das Angebot an Singwochen für alle Altersgruppen konnte erweitert werden. Darüber hinaus nimmt die Förderung und Unterstützung für Neue Kirchenmusik einen Schwerpunkt der Arbeit des Kirchenchorwerkes ein.

Gründungsprotokoll